Der Populismusexperte Marcel Lewandowsky rechnet damit, dass die AfD Sachsen-Anhalt regieren wird. Der AfD-Erfolg bei der Landtagswahl ist für ihn unter anderem ein schlechtes Zeugnis für die anderen Parteien. Wie es soweit kommen konnte und vor welcher Wahl die CDU nun steht, erklärt er im Interview.
Sie sind seit Oktober 2025 an der Uni Halle in Sachsen-Anhalt, sind aber auch Bürger. Wie haben Sie die Wahl empfunden?
Marcel Lewandowsky: Ich kann die Forscherbrille nur schwer ablegen. Ich empfinde aber schon, dass wir eine Zäsur erleben. Ich rechne mit einer Regierung unter Führung der AfD in Sachsen-Anhalt, und die AfD hat ein ganz spezifisches Profil. Sie ist nicht mit einem moderaten Programm angetreten, und es wird einen Unterschied machen, ob sie regiert. Davon bin ich überzeugt.
Sie sagen, die AfD ist nicht mit einem moderaten Programm angetreten. War den Wählern dieses Programm bewusst?
Lewandowsky: Den AfD-Wählern ist das Programm der Partei so bewusst wie den Wählern anderer Parteien das ihre. Man liest es meist nicht im Einzelnen und trifft dann seine Entscheidung, sondern es gibt bestimmte Themen, die einem wichtig sind. Bei AfD-Wählern sind das vor allem Migration und ein sehr spezieller Blick auf die Demokratie. Die AfD ist eine rechtspopulistische Partei. Sie sagt, sie vertrete den Willen der schweigenden Mehrheit gegen „die da oben“. Das ist kein bloßer Trick, sondern wird von ihren Wählern geteilt, ebenso wie die sehr negative Sicht auf Migration.
Stichwort Vertrauensverlust: Viele Menschen haben kein Vertrauen mehr in die Politik. Gleichzeitig ist zum Beispiel in der Migration faktisch viel passiert — die Migrationszahlen wurden halbiert. Medial wurde viel darüber berichtet, was das Programm für den Einzelnen ökonomisch bedeuten würde. Diese Fakten ändern aber nichts an der Wahlentscheidung.
Lewandowsky: Sie haben recht mit Ihrer Wahrnehmung — und da darf man sich nicht irren. Es geht nicht um ein „Migrationsproblem“ im Sinne von „die Verwaltung ist überfordert, also sind diese Maßnahmen gut“. Es geht um das, was wir in der Forschung Nativismus nennen: die grundsätzliche Vorstellung, dass die vermeintlich kulturell Angestammten mehr Rechte haben müssten und dass ihnen diese Rechte „von denen da draußen“ genommen werden. Dieses Grundgefühl herrscht bei vielen AfD-Wählern vor. Deshalb spielen die Zahlen keine Rolle — auch, weil den Medien ohnehin nicht geglaubt wird.
Vertrauen ist eine Emotion, die man nicht über Nacht zurückgewinnt. Wie kann das gelingen?
Lewandowsky: Das ist die Gretchenfrage. Dieses tiefsitzende Misstrauen in die Demokratie und ihre Akteure — nicht nur Unzufriedenheit mit der Regierung — ist ein Treiber des AfD-Erfolgs. Menschen mit rechten Einstellungen in der Migrationspolitik haben früher trotzdem nicht unbedingt rechte Parteien gewählt, weil ihnen andere Themen wichtiger waren und sie den Parteien der Mitte darin vertraut haben. Ein Schlüssel liegt in der Frage, inwiefern Parteien überhaupt in der Lage sind, die breite Bevölkerung zu repräsentieren. Wenn Menschen das Gefühl haben, „die da oben“ verstehen mich nicht und hören mir nicht zu, dann geht es nicht zuerst um Themen, sondern um die Frage: Wer macht eigentlich Politik?
Und da sehen Sie eine Verzerrung?
Lewandowsky: Ja. Politik hat eine verzerrte Repräsentation. Diejenigen, die Politik machen — in Parteien, Parlamenten, Regierungen — gehören oft einem kleinen, akademischen Milieu an. Das hat Konsequenzen, denn der Habitus ist ein anderer: Politik hat einen bestimmten Sprech. Aus dem Gefühl, nicht gesehen zu werden — „die sind nicht wie ich, reden nicht wie ich, denken nicht wie ich“ — entsteht der Eindruck einer abgehobenen Politiker-Kaste.
Das macht auch einen Teil von Ulrich Siegmunds Erfolg aus — er schafft habituell den Anschluss.
Lewandowsky: Er ist nicht per se unsympathisch, im Gegenteil: Er tritt offen, verbindlich und klar auf. Ich würde aber nicht von einem „Siegmund-Effekt“ sprechen. Er hat nicht Wähler geholt, die sonst nicht die AfD gewählt hätten. Ich würde sagen: Siegmund hat mit seinem Auftreten, nicht zuletzt in den sozialen Medien, erfolgreich Menschen mobilisiert, die der AfD ohnehin zuneigten.
Gleichzeitig wird der AfD in fast allen Bereichen die größte Kompetenz zugeschrieben, bei Wirtschaft, Migration, Sozialem.
Lewandowsky: Diese Kompetenzwerte sind gleichzeitig Negativwerte für alle anderen. Die AfD hat noch nicht regiert, also muss man bei dieser Zuschreibung die Unzufriedenheit mit den anderen Parteien mitdenken. Man muss das als Ausdruck des geringen Zutrauens in alle anderen lesen.
Am Wahlabend waren die Reaktionen der anderen Parteien gebetsmühlenartig und erwartbar: „Konsequenzen ziehen“, „schockiert“, „Signal nach Berlin“, „Vertrauen zurückgewinnen“. Was bringt das? Hat man das Problem wirklich verstanden?
Lewandowsky: Das ist eine Eigenlogik des Politischen — Parteien müssen auch Schadensbegrenzung betreiben. Ob das bei den Wählern verfängt, ist eine andere Frage. Wenn Friedrich Merz sagt, man müsse seine Reformen emotionaler vermitteln, ist er vielleicht gar nicht der Typ, der das kann. Vor allem aber: Die Ursachen für die AfD-Wahl sind nicht letzten Freitag entstanden, nicht einmal mit der letzten Bundesregierung — sie sind langfristig gewachsen.
Die Politik hat immer noch die Vorstellung, die AfD sei eine Protestpartei. Das ist sie nicht. Protest spielt hinein, aber Protest ist nicht apolitisch — er äußert sich, wenn das Gefühl da ist, die etablierte Politik bietet keine Alternative, weder thematisch noch personell. Das geht über die Unzufriedenheit mit dem unpopulären Kanzler Merz hinaus. Nötig ist ein grundsätzliches Nachdenken darüber, wie Politik in der Gesellschaft verankert ist. Die AfD hat in Ostdeutschland etwas geschafft, was die anderen nicht geschafft haben — das haben wir schon in den 90er-Jahren mit der NPD diskutiert: Sie ist präsent, auf Bürgerfesten vor Ort, sie fängt ein Lebensgefühl ein.
Die etablierten Parteien sagen häufig, diese Präsenz können sie nicht leisten oder sie sagen, sie seien sehr wohl präsent. Ist das eine Ausrede?
Lewandowsky: Als Ausrede würde ich es nicht zuspitzen. Die anderen Parteien verweisen auf fehlende strukturelle Voraussetzungen, aber die AfD ist auch keine besonders reiche Partei. Es gäbe die Möglichkeit, Prioritäten zu setzen — das haben die anderen über Jahrzehnte versäumt. Die Ursachen liegen tiefer als die aktuell angestoßenen Reformen. Und diese Bundesregierung ist auch nicht gut darin, den Leuten ihre Bedenken zu nehmen.
Konkret zur CDU in Sachsen-Anhalt: Wie sollte sie sich gegenüber der AfD verhalten? Kooperation oder Brandmauer?
Lewandowsky: Es gab nie einen richtigen Konsens darüber, was die Brandmauer eigentlich bedeutet. Sie beinhaltet, nicht mit der AfD zusammenzuarbeiten — und selbst darüber gibt es unterschiedliche Auffassungen. Inhaltlich hat die CDU schon zu Beginn ihres Wahlkampfs angekündigt, auf das Thema Migration setzen zu wollen. Aus der Forschung wissen wir: Das stärkt die AfD, weil man sie als das „Original“ zu diesem Thema wahrnimmt.
Jetzt hat die AfD die Mehrheit. Wenn man mit ihr zusammenarbeitet, arbeitet man mit einer Partei zusammen, die vom Verfassungsschutz und anderen Beobachtern als rechtsextrem eingestuft wird. Ob man das will, ist eine Grundsatzentscheidung. Es gibt keinen Zwang, im Parlament mit der AfD zusammenzuarbeiten. Der „Wählerwille“ endet mit der Wahl. Die Abgeordneten haben ein freies Mandat.
Aber wenn man mit undemokratischen Kräften so demokratisch umgeht, schaufelt man sich dann nicht sein eigenes Grab?
Lewandowsky: Das ist genau das Problem. Dieser Umgang ist eine Form der Legitimierung ihrer Positionen. Es gibt die Auffassung, wenn man die AfD einbindet, werde sie moderater. Das Gegenteil ist der Fall: Die AfD weiß, dass sie bei Neuwahlen unter Umständen noch erfolgreicher werden könnte. Die Zusammenarbeit trägt zur Normalisierung der Partei und ihrer Positionen bei, ohne ihr einen Anreiz zu geben, in die Mitte zu rücken. Im Gegenteil: Bei einer Zusammenarbeit müssten die anderen Parteien AfD-Politik zumindest teilweise mittragen.
Dazu kommt: Die CDU hat ein großes Problem mit ihrer eigenen strategischen Ausrichtung — mittiger oder konservativer? Dieser Konflikt lodert schon seit langem bei den Christdemokraten. Jetzt könnte er aufbrechen.
Was sollten die anderen Parteien stattdessen tun?
Lewandowsky: Darauf gibt es keine eindeutige Antwort — da ist das Kind schlicht in den Brunnen gefallen. Momentan ist es der schlechteste Ausgangspunkt für die anderen Parteien: Sie hätten nicht einmal unter Tolerierung der Linken eine Mehrheit, und das BSW würde keine CDU-geführte Regierung tolerieren.
Ob es aber langfristig — bundesweit und in anderen Ländern — klug ist, die AfD zu normalisieren, daran habe ich Zweifel. Ein Aspekt, über den ich auch in meinem Buch 2024 geschrieben habe: Ein Weg wäre, offener zu sein für Zusammenarbeit mit anderen Parteien, auch der Linken. Die Union hat einen doppelten Unvereinbarkeitsbeschluss, für die AfD und die Linke. Gleichzeitig arbeitet sie pragmatisch mit ihr zusammen, etwa in Sachsen und in vielen Kommunen. Die Frage ist, ob es sinnvoll ist, an der Unvereinbarkeit festzuhalten, oder zu sagen: Die Partei, die mit der liberalen Demokratie über Kreuz liegt, ist die AfD. Deshalb müssen wir ausloten, wie weit wir mit allen anderen Parteien zusammenarbeiten können. Das Kunststück wäre, das eigene Profil zu schärfen und zugleich jenseits der alten Lagerkoalitionen zu denken. Vor dieser Aufgabe steht die CDU.

Zur Person
Marcel Lewandowsky ist Professor für Regierungslehre und Policyforschung an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.
